Montag, 16. März 2009

Wo ist der Tod? Wer von den "Otto-Normalverbrauchern" hat heutzutage schon direkt miterlebt, wie ein Mensch oder ein Tier stirbt? Wer hat bewußt miterlebt, was es heißt zu sterben, wie aus etwas Lebendigem etwas Totes wird? Wer weiß noch, wie ein Huhn oder Schwein geschlachtet wird, wie ein Reh oder ein Hase erschossen wird, wie die alte sabbernde Großmutter langsam dahinsiecht und schließlich stirbt?

Wir wachsen in eine klinisch saubere Umwelt hinein, wo es kein Blut, kein Sterben, keinen Tod zu geben scheint. Das Fleisch das wir essen liegt hygienisch abgepackt im Kühlregal des Supermarktes und erinnert in seiner kleinen kompakten Form nicht mehr an das Tier, das dahintersteckt und getötet werden musste. Selbst nahe Verwandte sterben still und heimlich irgendwo im Altenheim oder möglichst unauffällig und versteckt im Krankenhaus, man will niemanden beunruhigen oder verstören.

Gleichzeitig werden wir überschwemmt von Blut, Sterben und Tod. Fernsehen, Radio, Internet berichten ständig von Krieg und Zerstörung, Bilder von blutigen Leichen, zerfetzten Kindern, Verschütteten gehören zum Alltag, bilden den grausigen Hintergrund während wir arbeiten, essen, aufräumen. Die Toten sind da und nicht da, erschreckend real und irreal, die Verbindung zwischen Wahrnehmung und Gefühl durch die indirekte Vermittlung neutraler Medien gekappt.

Genau das scheint der Schlüssel dafür zu sein, dass der Unterschied zwischen Spiel und Realität verwischt, dass Tat und Folgen, Töten und Sterben entkoppelt sind. Ein Mensch, der nicht erlebt hat, was es heißt, einem Huhn den Kopf abzuschlagen oder auf ein Reh zu schießen, dieses Tier dann ganz real sterben zu sehen, isst gedankenlos seine Chicken McNuggets und spielt Moorhuhnjagd. Ein Mensch, der nie erlebt hat, wie das Leben aus einem Menschen verschwindet, wird weiterhin davon überzeugt sein, dass Kriegshandlungen für die Friedenssicherung nötig sind und nicht fühlen, dass jedes Kriegsopfer bereits eins zuviel ist.

Das Entsetzen und die Betroffenheit bei Terroranschlägen oder Amokläufen ist verlogen, wenn sie sich nur auf den Täter bezieht, er stellt mit seiner Tat für sich und alle anderen lediglich wieder eine Verbindung her zwischen wahrnehmen und fühlen, seine Tat ist im Kleinen, was tagtäglich im Großen passiert, direkt vor unseren Augen aber normalerweise abgetrennt von unserer Anteilnahme. Zeigt den Kindern wieder den Tod, nehmt sie mit auf die Jagd, lasst sie real erfahren, was Tod und Sterben wirklich bedeuten. Aber zeigt auch den Erwachsenen wieder den Tod, schickt Politiker direkt aufs Schlachtfeld, lasst sie erleben, wie es ist, wenn Menschen zerfetzt werden und sterben.

Der Tod ist unausrottbar, er gehört zum Leben dazu. Indem wir diese grundlegende Tatsache zu leugnen versuchen und ihn verstecken, beschönigen und aus dem normalen Alltag gefühlsmäßig ausschließen, kann das Unerklärliche direkt vor unseren Augen weitergehen. Kinder und Jugendliche halten uns nur den Spiegel vor. Wir können uns schaudernd abwenden und diese verlorene Jugend verdammen und bestrafen oder endlich die Herausforderung annehmen, hineinschauen und uns der eigenen schrecklichen Fratze des Täters stellen.

1 Kommentare:

Am/um 24. März 2009 um 00:22 , Blogger mattwalt meinte...

ich kann dir nur zustimmen - freu mich daruf dich im mai zu besuchen

 

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