Dienstag, 1. Juli 2008

Mensch und System - Aus Fehlern lernen

Dass eine Entscheidung revidiert werden kann, dass wir Fehler eingestehen und überdenken können, dass nicht Gesetz und System über Denken und Mensch gestellt werden, das zeichnet eine gute und funktionierende Demokratie aus.

Ich habe vor kurzem nochmal den Film Sophie Scholl, die letzten Tage gesehen, unfassbar und unglaublich. Gleichzeitig sehe ich jedoch erschreckende Parallelen zur Gegenwart.

Die Mitglieder der Weißen Rose sind zwischen die Mühlen von einmal getroffener Entscheidung und dem System geraten: demokratische Wahl von Hitler und gültige Gesetze, die konsequent angewandt tatsächlich nur die Todesstrafe zuließen. Im Film wird aber auch sehr deutlich, wie viele mit diesem Verlauf eigentlich nicht einverstanden waren, aber sich an Eide, Verfassung, einmal getroffene Entscheidungen gebunden fühlten und nicht zugeben konnten, dass jede Entscheidung sich auch als falsch herausstellen kann.

Vattenfall beruft sich auf Zusagen und Genehmigungen von vor Jahren, will diese Zusagen gerichtlich einklagen und kann vermutlich sogar gewinnen, weil wir uns genauso auf Recht und Ordnung und ein funktionierendes Gesetz berufen. Wir nennen uns ordentliche Demokraten in einem freien Staat, wenn wir weiterhin Kohle- und Atomkraftwerke bauen, so unsinnig und gefährlich das für die Zukunft, unseren Planeten und spätere Generationen auch sein mag.

Ausländerbehörden berufen sich auf Gesetze und Vorschriften, wenn sie Menschen abschieben, die lange Jahre hier mitten unter uns gelebt haben, voll integriert waren und ein völlig normales Leben geführt haben. Wir verschließen die Augen davor, wieviele Menschen tatsächlich systembedingt und ungerechterweise abgeschoben werden, abgesehen von Einzelfällen haben wir keine Ahnung, was tatsächlich geschieht, wir werden sagen, wir haben nichts davon gewußt, wenn uns spätere Generationen danach fragen werden.

Wie damals beruft man sich auf Zusagen und Entscheidungen, die irgendwann vor Jahren getroffen wurden, ohne zu bedenken, dass sich inzwischen die Lage und auch die Einstellung der Menschen grundlegend geändert haben können.

Wie damals beruft man sich auf ein gültiges Gesetz, das über Mensch und Gewissen gestellt wird, will lieber den Menschen auf das Gesetz zuschneiden, anstatt einzusehen, dass auch Gesetze zeitabhängig sind und entsprechend veralten können oder in bestimmten Fällen nicht greifen.

Wie damals versteckt man sich hinter Regeln, Vorschriften, Vorgesetzten, tut so, als könne man als Einzelner nichts tun, verweist auf sog. Entscheidungsträger, und das System funktioniert und läuft unerbittlich weiter.

Die Lage hat sich geändert, und wenn es nicht möglich ist, sich an diese neuen Erkenntnisse und Begebenheiten anzupassen, sind wir wie ein schwerer Tanklaster, der sehenden Auges auf ein Hindernis aufläuft, weil er zu schwerfällig und unflexibel ist, um noch zu wenden.

Ist es so schwer zu sagen, wir können uns angesichts unserer Umwelt keine weiteren Zukunftsrisiken mehr leisten, denn diese kosten uns langfristig gesehen das Leben, sehr viel mehr als die paar Milliarden, die der einstweilige Baustopp Moorburg jetzt verursacht. Wer sich angesichts dieser Situation auf Zusagen beruft, die unter völlig anderen Bedingungen getroffen wurden, handelt grob fahrlässig und macht sich strafbar. Sich dazu auch noch auf das Gesetz zu berufen ist blanker Hohn.

Ist es so schwer zu sagen, es ist völlig gleichgültig woher einer kommt und welche Nationalität er hat, jeder kann hier ungestört leben. Ausländer einzuteilen in gute z.B. Fußballer, Informatiker, Unternehmer und schlechte z.B. Arbeitslose, Jugendliche und Alte, zeugt nicht davon, die Menschenwürde zu achten und jedem respektvoll und vorurteilslos zu begegnen.

Zuzugeben, dass man sich geirrt hat und versuchen, einen besseren Weg zu finden ist nicht schlimm. Schlimm ist, auf dem falschen Weg weiterzugehen. Und das gilt für damals wie für heute. Kein System sollte über den Menschen, seine Möglichkeit zum Denken und Handeln gestellt werden, und das heißt auch flexibel und vernünftig bleiben, kein noch so gutes Gesetz kann voraussehen, wie sich die Situation ändert und was langfristig gesehen für uns, unsere Nachfahren und den Planeten das beste sein wird. Aber wir Einzelnen tragen die Verantwortung dafür und müssen dementsprechend entscheiden und handeln.

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