Gedanken
Wie hätten wir uns in der Nazizeit verhalten, diese Frage taucht immer wieder auf, wenn über damalige Zeitzeugen geurteilt wird. Das ist schon längst keine hypothetische Frage mehr, denn wir befinden uns längst mittendrin und können gerade jetzt zeigen, wie wir uns verhalten. Tatsache ist, dass der Faschismus nicht laut und deutlich mit viel Brimborium ankommt und sagt Hallo, hier bin ich, sondern sich still und heimlich einschleicht und längst da ist bzw. nie weg war. Wenn Menschen unterteilt werden, hier die guten Deutschen, dort die bösen Ausländer, hier die tüchtigen Arbeiter, dort die faulen Bürgergeldempfänger, die Behinderten, die Alten, die Kranken, etc., dann ist das bereits Selektion, Abwertung, verachtend und widerspricht allen moralischen und ethischen Grundsätzen wie Menschenrechte, die Würde des Menschen ist unantastbar, alle Menschen sind gleichberechtigt, etc. Und diese Zuordnungen haben ja bereits jetzt ganz konkrete Konsequenzen, sie "berechtigen" dazu Menschen abzuschieben, ihnen Leistungen zu kürzen, sie nicht als gleichwertige Individuen zu sehen.
Wer definiert denn, wer "deutsch" ist, was "leistungsfähig" bedeutet, welche Menschen "nützlich" für unsere Gesellschaft sind? Wir sind schon mittendrin in diesem "Nazisprech" in diesen Denkkategorien, Nummernmenschen, die man problemlos ausschließen kann aus dem "gesunden, leistungsfähigen Volkskörper". Und das ist keine Überzeichnung oder Schwarzseherei sondern längst Realität. Wir sind schon wieder ein Faschistenvolk und eine große Gefahr für alle, die vermeintlich nicht dazugehören.
Und genauso wie die damaligen Menschen wiegeln wir ab, verharmlosen, schauen nicht hin, fühlen unsere Ohnmacht und resignieren, ziehen uns die Decke über den Kopf, wird schon nicht so schlimm werden. Doch, wird es bzw. ist es. Das was der sog. "Sozialstaat" kaputtmacht, muss von Ehrenamt, Vereinen, Engagierten, Empathiefähigen aufgefangen werden. In einem so reichen Staat wie Deutschland gibt es Tafeln, Kleiderkammern, ehrenamtliche Beratung und Begleitung. Wenn ich wieder einmal eine Petition unterschreibe, wo Menschen abgeschoben werden sollen, die seit Jahren hier leben, arbeiten, zur Schule gehen, studieren, etc., und es gibt unzählige davon, bin ich mir ziemlich sicher, dass ich längst nicht mehr in einer funktionierenden Demokratie sondern eher in einer Monarchie o.ä. lebe, die Petition das neue Gnadengesuch an einen tyrannischen Herrscher, Gesetze, Asylrecht Fehlanzeige.
Die Juden haben damals gedacht, ihnen passiert schon nichts, sie haben im 1. Weltkrieg für Deutschland gekämpft, sie sind in ihrem Ort angesehen, sie arbeiten, sind "nützlich", die Selektion wird keine weiteren Folgen haben, sie haben sogar oft ihre Loyalität zum Hitlerstaat verkündet. Es sind nicht nur ein paar Rowdies, schwarze Schafe, die wahllos Menschen zusammenschlagen, umbringen, quälen nur weil sie nicht in ihr faschistisch-ideologisch geprägtes Menschenbild passen, dieses Denken ist schon längst wieder/immer noch gesamtgesellschaftlich verankert und so "normal", dass es im Alltag einfach untergeht und ignoriert werden kann.
Es gibt einen Film "In and Out", da wird am Ende ein schwuler Lehrer aus dem Kollegium ausgeschlossen und mit einem Trick wird eindrücklich gezeigt, wie absurd das ist: Erst "outet" sich ein Schüler, dann noch einer und noch einer, schließlich der Friseur, die Verkäuferin, der Vater von ihm, etc. etc. Ich habe dabei sofort gedacht, was wäre gewesen, wenn in Hitlerdeutschland alle einen Judenstern getragen hätten? Wenn heute alle sagen würden, ich bin schwul, behindert, Ausländer, Jude was auch immer. Das wäre zum einen ein Akt der Solidarität mit allen, die immer noch oder immer wieder ausgegrenzt wurden und werden, und würde zum anderen ein massives Gegengewicht zu dieser verdammten Naziideologie darstellen, die uns jetzt und heute und immer wieder herausfordert.
Also Farbe bekennen, nicht erst morgen: Mensch ist Mensch. Du und du und du und ich. Und das sagen, immer wieder, auch wenn es eine Sisyphosarbeit ist und vielleicht wie damals nicht reichen wird? Ich sage es mir selbst und allen immer und immer wieder, wir sind hier wir sind laut, weil man uns die Menschlichkeit klaut. Nein, das ist zu einfach, weil WIR uns sonst die Menschlichkeit klauen, weil WIR uns sonst eines Tage vielleicht fragen müssen, wie konnte das passieren. Und wir haben keine Entschuldigung, denn wir kennen alle Fakten und wissen, wie es damals lief, den gleichen Fehler zweimal machen ist einfach nur dumm.

